Bildhauer des Alltags - Terry Foxgb

Von Raoul Mörchen

(Erschienen: Kölnische Rundschau 7. Oktober 2009)

Die Eingangstür zur Wohnung in Nippes, sie quietscht schon seit einer kleinen Ewigkeit. Terry Fox wollte ihr einfach nicht die Stimme rauben. Langsam zieht sie sein Assistent Ron Meyers auf und strahlt: Sie schnurrt wie eine Katze, bloß ein, zwei Oktaven höher. Fox’ Frau Marita Loosen denkt gleich einen Schritt weiter: „Man könnte die Tür tausend Mal öffnen, das Geräusch aufnehmen und zusammenschneiden: nie hörte man eine genaue Wiederholung.“

Vor einem Jahr ist der US-Amerikaner Terry Fox in seiner späten Wahlheimat Köln einem Krebsleiden erlegen. Seine Neugier auf die Welt hat er hier gelassen, damit nicht nur seine engsten Freunde nachhaltig infiziert. Rund vierzig Jahre blieben Fox als Künstler Zeit, den Begriff von Skulptur zu verändern und erweitern, ihn mit Performance und Installation zu verschmelzen, mit dem Bild, der Zeichnung und der Klangkunst, und auf alles zuzugreifen, was er geeignet fand, um sich mit den Menschen und den Dingen möglichst direkt auszutauschen.

Zum Beispiel zwei Wände eines Museums, in deren Ecke er sich 1970 in seiner Aktion „Corner Push“ so fest zwängte, bis er die Balance verlor und ein wenig von den Kräften zu absorbieren schien, die an dieser Stelle aufeinander wirken. Mit Klaviersaiten brachte er tote Objekte zum Klingen: Sardinenbüchsen, Autos, Steine, Gebäude. In seinem Video-Klassiker „Children’s Tapes“ dokumentierte er in Echtzeit eine Reihe alltäglicher Wunder – kleine physikalische Experimente mit Streichhölzern, Gabeln, Kerzen, Wasser, Eis. 2006 ließ er in einer seiner letzten großen Arbeiten, „Labyrinth of the Inner Ear“, einen blinden Künstlerkollegen auf einer festen Marschroute durch Berlin gehen und zeichnete den Weg gewissermaßen aus der akustischen Perspektive des Blindenstocks auf.

Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass sich Terry Fox jemals gelangweilt hat: In jedem Winkel warten kleine Geheimnisse darauf, mit einem beherzten Griff ans Licht geholt und künstlerischen verwandelt zu werden. „Material war für Fox potentiell alles, was in Raum und Zeit ist“, erklärt Meyers. „In seinen Skulpturen hat er für sich das Wesen der Welt entdeckt.“

Zur umfänglichen Hommage „Recalling Terry Fox“ am kommenden Wochenende wird auch Meyers seinen Teil beitragen. Mit einer elektrischen Schreibmaschine sitzt er gerade vor Fox’ Bibliothek und bringt die Titel der Bücher in eine einzige lange Reihe. Skulptur? „Man kann nichts tun, was nicht irgendwie verbunden wäre mit den vier Dimensionen von Raum und der Zeit, in denen man lebt,“ antwortet Meyer ganz im Sinne von Fox. Schon auf seiner Zugreise nach Köln war er seinem verstorbenem Freund und Lehrer dicht auf der Spur, als er in seinem Abteil dem leisen Quietschen der Eisenräder auf den Schienen lauschte. Fox, so weiß Meyer, hätte das an seiner Stelle auch getan.



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