Recalling Terry Fox / Lange Nacht für Terry Foxgb

Von Raoul Mörchen

 

Sich an Terry Fox zu erinnern, fällt nicht schwer. Die letzten anderthalb Jahrzehnte seines Lebens hat der gebürtige US-Amerikaner in Köln verbracht, zwar primär der Liebe, nicht der Kunst wegen, doch hat er vor Ort Freundschaft zu vielen Kollegen geschlossen und alte Freundschaften gepflegt. Sein Körper war nach einer missglückten Operation zerbrechlich geworden, und so musste der Meister der Body Art dieses eine Feld räumen, andere Felder aber blieben und wurden bis zu seinem Tod vor einem Jahr mit einer nicht versiegenden Fantasie bestellt. Linie, Farbe, Bewegung, Raum, Gedanke, Klang, alles konnte in die feinen Strudel geraten, den Fox’ globaler Begriff von Plastik in Rotation hielt.

Wie wenig sich Fox, trotz geschichtlicher Verdienste, auf Geschichtlichem ausgeruht hat, konnte man auch am Alter derer ablesen, die – ob als Künstler oder als Publikum – der Einladung der frisch gegründeten Terry Fox Association gefolgt und zum „Recalling Terry Fox“ in die Kunstsanktion St. Peter gekommen waren: Da saß der ergraute Haudege aus guten alten Zeiten neben der Studentin, die die legendären Performances vermutlich nur über den Umweg ihrer Dokumentation kennt. Das ist im übrigen ein von Fox in Kauf genommenes, wenn nicht gar bewusst einkalkuliertes Dilemma seiner Kunst gewesen: ihre Flüchtigkeit. Wenige seiner Arbeiten waren so stofflich, dass sie sich fixieren oder gar verkaufen ließen, und auch die akustischen wollten lieber hinaus in den freien Äther als in die mediale Konserve.

Flankiert von Ausstellungen in der Moltkerei Werkstatt, dem Museum Ludwig und der Galerie Lichtblick, war die „Lange Nacht für Terry Fox“ darum nicht zuletzt so etwas wie eine Werkschau: In den zur Hommage mitgebrachten, zuweilen eigenes dafür entworfenen Werken von Freunden und Kollegen hatte sich – in den besten zumindest – vieles von dem als Substanz niedergeschlagen, was Fox in seinem vierzigjähriger Schaffen entwickelt, entdeckt oder selbst aus anderen Quellen weitergeführt hat.

In der erwähnten Body Art zum Beispiel, der Boris Nieslony in einer dem Freund gewidmeten Performance mit dem Titel „Koan“ seine späte Referenz erwies. Oder in der Leichtigkeit zweier Klangarbeiten von Rolf Julius und Miki Yui, beide im Akt ihrer Aufführung von schöner zeichnerischer Qualität, einfaches Gerät, Elektronik und die eigene Bewegung als plastisches Ensemble komponierend. Während es Charlemagne Palestine in gewohnter Buntheit dabei bewenden ließ, vom einst ersparten künstlerischen Kapital einen Kleinstbetrag abzuheben und mit einigem inszenatorischen Trara ein paar unschuldige Tonleitern aus einem Glockenspiel  zu schlagen, sah Philosoph und Nachbar Ralf Peters keinen Grund, sich selbst zu schonen und verausgabte sich in einer Kette von 552 dramatisierten Atemzügen. Fox hatte in den 1970er Jahren das berühmte Labyrinth der Kathedrale von Chartres in entsprechender Schrittzahl ausgemessen und aus diesen wie anderen Eckwerten einen umfangreichen Werkkomplex entfaltet. Entstanden ist dabei unter anderem eine Orchestrierung des Irrgangs für elf schnurrende Katzen, seine einzige fest fixierte Klangarbeit im ortlosen Medium des Tonbands.

Ansonsten hat Terry Fox meist alle vier Dimensionen, die drei räumlichen wie die eine zeitliche, zusammengedacht, selbst bei scheinbar noch so kleinen Versuchsaufbauten. Darum hat ihm vermutlich auch der „Feedback Dance“ von Hans W. Koch so gut gefallen, als er ihn auf einer Party bei einem gemeinsamen Freund sah und hörte. Koch erinnerte sich des kollegialen Lobs von einst und baute die in ihrer Ökonomie wunderbar poetische Arbeit in St. Peter noch einmal auf: Ein Mikrophon steht mit einigem Abstand zwischen Lautsprechern, der Performer moduliert die zwangsläufig entstehende Rückkopplung, in dem er mit seinen Händen die Mikrophonkapsel vom Lautsprechersignal mal mehr, mal minder abschirmt. Der Klang kommt wie ein Geschenk aus dem Nichts, das kleine Ballett zweier Hände formt ihn zur Musik.

 

Aus: aKT – Die Kölner Theaterzeitschrift, 7 November 2009

 

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